CrossFit restricted – Knee issues part 3

Kurzes Vorwort:
Dies ist der dritte Beitrag aus der Reihe „CrossFit restricted“.
Ich habe diverse Interviews geführt. Mit vielen Athletinnen und Athleten, die CrossFit aktuell ausüben oder derzeit pausieren müssen. Aber auch mit jemandem, der sich nach einer Verletzung entschieden hat, mit dem Sport aufzuhören. Alle samt mit den unterschiedlichsten Motivationen, was wichtig ist, um das Thema von so vielen wie möglichen Punkten zu betrachten: Fitnesssportler, ehemalige Wettkampfsportler, Coaches oder Owner, alle haben mir viel Feedback gegeben und geholfen, diese Reihe zu veröffentlichen – vielen Dank an dieser Stelle!
Zusätzlich habe ich mich mit den Erkrankungen und Verletzungen selbst beschäftigt.
Ziel ist es der Antwort auf die Frage näher zu rücken, ob CrossFit als Sport für jedermann wirklich umsetzbar ist und wie wir als Coaches damit umgehen sollten.
Bisher erschienen:
„CrossFit with Restrictions – Einleitung“
„CrossFit Restricted – Knee issues Part 1“
„CrossFit Restricted – Knee issues part 2“


„CrossFit restricted – Knee issues part 3“

(Interviews Lennart & Jennie)

Im letzten Beitrag habe ich ja das Patellaspitzensyndrom / Jumpers Knee näher erklärt. In diesem Beitrag findet ihr nun zwei Erfahrungsberichte mit der Erkrankung.

Der erste „Leidensgenosse“ ist

Lennart

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Der Lennart auf dem Airdyne

Zu seiner Person:
Er ist ebenfalls eins unserer „Gründungsmitglieder“ bei CrossFit First Class und kann inzwischen auch auf ein paar Wettkämpfe in dem Sport CrossFit zurückblicken. Er trat z.B. damals mit AK zusammen an der HH Classic Challenge im Team an und nahm ebenfalls an internen Wettkämpfen in Hannover teil.

Wer mit diesem Spaßvogel ein Workout beschreitet, hat auf jeden Fall ordentlich was zu lachen – er lockert die Stimmung immer wieder auf und schafft sofort ein tolles Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe, selbst, wenn sich nicht alle untereinander kennen.
Aus Coach-Sicht betrachtet hat das natürlich Vor- und Nachteile – wenn so eine Gruppe nur noch am Gackern ist, weil bei Lennarts erheiterndenden Art die Konzentration flöten geht. 😉 Aber ich freue mich immer sehr, wenn er es zeitlich schafft und ich ihn in meinen Classes habe. :-*

Hier sein Interview (getreu dem Motto in der Kürze liegt die Würze)

Lennart, du hast eine aktuelle Verletzung. Erzähl‘ uns etwas darüber:

Arztmeinung -> Patellaspitzensyndrom.
Eigenes Empfinden -> Knieschmerzen rechte Seite, vorrangig unterhalb des Knies.
Einschätzung laut Ostheopathie -> grundsätzlich verkürzte Muskulatur, angefangen im Beckenebereich, die sich entlang des Oberschenkels bis ins Knie zieht und dort den entsprechenden „Zug“ ausübt 

Was ist passiert? Wobei hast du dich verletzt?

Der genaue Zeitpunkt ist schwer zu sagen… nach ca 1,5 Jahren Crossfit müsste es angefangen haben. Da ich es anfangs nicht ernst genommen habe, ist es stetig schlechter geworden, bishin zum völligen Verzicht auf beinbelastendes Training.

Was hast du für Therapien hinter dir?

Vom Arzt wurden mir eine Ruhepause verordnet inklusive Behandlung beim Physio (6 Sitzungen).
Resultat: keine bis kaum Verbesserung.
Danach versuchte ich es mit Ostheopathie (zwei Sitzungen) mit deutlicher Verbesserung. An den darauffolgenden Tagen nach der Behandlung war ich annähernd schmerzfrei, jedoch kein lang anhaltender Effekt. Der Schmerz trat nach jedem Training wieder auf.

Wie sehen die zukünftigen Therapien / Behandlungen aus?

Aktuell muss ich gestehen habe ich keine Ahnung. Ostheopathie wäre zumindest kurzfristig der Ansatz und einen Versuch wert, um es hoffentlich auch langfristig in den Griff zu bekommen. Auf Dauer sehr kostenintensiv, wobei die Stoßwellentherapie beim Arzt in ähnlich astronomische Bereiche vorstößt.
Sofern ich es zeitlich gebacken bekomme dehne ich intensiv zu Hause, ansonsten geht es nächste Woche erst einmal wieder zur Ostheopathie 😉
Sollte in den nächsten Wochen/Monaten eine deutlich bessere Heilung/Behandlung erfolgen und ich annähernd schmerzfrei sein werde ich natürlich berichten und du musst deine Reihe „CrossFit restricted“ um eine Folge erweitern.

>Lennart, darauf freue ich mich jetzt schon; melde dich gern! 🙂

Wie sehr schränkt dich die Verletzung im Alltag ein?

Durch den Bürojob und das zusätzliche Sitzen am Wochenende in der Uni bemerke ich eine deutliche Verschlechterung und einen damit verbundenen Anstieg der Schmerzen.
Einschränkung im Alltag -> Durch die Schmerzen bei Fahrradfahren oder Ähnlichem fällt das zunehmend flach.

Du machst CrossFit trotz deiner Einschränkung – kannst du die WODs überhaupt ausführen?

Selten in der vorgegebenen Art und Weise -> deshalb nutze ich hier Skalierungen.
Alleine außerhalb des WODs trainieren macht einen auf Dauer depressiv.

Was musst du hauptsächlich skalieren bzw. ändern im CrossFit?

Alles mit den Storchenbeinen verbundene muss skaliert werden und wird auf den Oberkörper verlagert (in der Hoffnung da nicht auch noch etwas kaputt zu machen)

Was ist ein typisches WOD für dich?

Typisches Wod gibt es ehrlich gesagt nicht

Wie ermittelst du oder dein Coach die Alternative der entsprechenden Übung?

Alternative Übungen greift man sich aus seinem kleinen „Skalierungskoffer“ und werden so eingebaut, dass sie im besten Fall andere Hauptmuskelgruppen im Oberkörper ansprechen, als die bereits vorhandenen Übungen im Workout.

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HSPU – explosive Hüftöffnung

Geht das Gruppengefühl verloren, weil du etwas anderes machst?

Solange man die WODs mitmacht, geht es aus meiner Sicht nicht verloren.
Wenn man allerdings außerhalb der WODs für sich arbeitet, kann das schnell passieren.

Warum hast du dich entschieden, trotzdem weiter CrossFit zu machen?

Um ehrlich zu sein vorrangig wegen des über längeren Zeitraum aufgebauten Freundeskreises. (Ansonsten könnte ich meine aktuellen Übungen auch woanders ausführen)

Hilft der Sport dir bei deiner Verletzung?

Crossfit hilft mir zumindest eine grundlegende Fitness zu halten und die sozialen Kontakte zu halten oder auch neue aufzubauen. Meiner Verletzung hilft Crossfit nicht direkt, da hilft eher Mobility und Yoga (ja das wird in unserer Box angeboten….verrück oder?!)

Was würdest du Menschen, die eine ähnliche Verletzung oder Einschränkung haben gerne bezüglich CrossFit (oder allgemein Sport) mit auf den Weg geben?
Welchen Rat hast du? Welche Empfehlung?

Ich wünsche allen möglichst viel Geduld, denn die braucht es definitiv.
Da ich mich mitten drin im „Verletzungsprozess“ befinde ist ein abschließendes Fazit schwer möglich.
Vermutlich gilt es einen geeigneten Arzt zu finden, der trotz kassenärztlicher Versicherung, auf deine individuellen Probleme eingeht und in Zusammenarbeit mit einem professionellen Physiozentrum dich wieder zu alter Stärke und Schmerzfreiheit führt. Das halte ich jedoch für ähnlich utopisch wie den Gewinn der Crossfit Games meinerseits.
Ein grundsätzlicher Rat für alle Crossfit-Beginner/Begeisterten ist:
Nicht zu schnell zu viel zu wollen und den ein oder anderen PR einfach mal PR sein zu lassen. Wenn ich mich an meine Anfänge erinnere, die nun auch schon 3 Jahre zurück liegen, hat man sich meist zu viel zugemutet. Viele PR’s, wenig Ruhepausen, wenig Mobility, getreu dem Motto: höher, schneller, weiter.
Schließlich ist es ja das, wofür man in der Crossfit-Szene gefeiert wird.
Diese Tipps sind jetzt nichts weltbewegendes Neues, aber man muss sie halt auch einhalten und das machen, eingeschlossen mir, leider die wenigsten.
So jetzt aber genug mit dem Gefasel ihr wollt ja schließlich noch trainieren. Auf zum nächsten PR 😉

Danke für das Interview, Lennart!

Nun zu meinem Erfahrungsbericht – auf der Seite about me könnt ihr nachlesen, was euch über mich interessiert – den Post muss ich damit nicht unnötig lang machen.

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ich halt…

Welche Einschränkung hast du bzw. hattest du?

Eigentlich habe ich gleich zwei Einschränkungen, die mich manchmal dazu zwingen, Workouts angepasst auszuüben. Zu der anderen (Asthma) komme ich in einem anderen Post.

Zu meiner Verletzung:
Bei mir wurde vor ca. 2 Jahren das Patellaspitzensyndrom diagnostiziert. Im Grunde habe ich diese Erkrankung wie aus dem Bilderbuch.
Meine Fußfehlstellung führte zu einer fehlerhaften Belastung der Quadmuskulatur, die wiederum zu einer Überlastung der Patellasehne führte. Die Patellasehne verkürzte, der Beinstrecker wurde durch den Sport immer stärker, der Beinbeuger durch fehlerhafte Ausführung der Übungen immer schwächer. Dazu kam, dass meine Faszien verklebten und den Muskel zusätzlich blockierten. Die Überlastung der Sehne, den resultierenden Schmerz, habe ich ignoriert und die Sehne gereizt. Solange, bis sie sich entzündete. Den bald darauf resultierenden, dauerhaften Schmerz (Grad 4) konnte ich dann nicht mehr ignorieren.
Hier auf dem Foto sieht man es schön:

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Beim MRT war es dann auffälliger denje : Mein Beinstrecker ist riesig! Von Natur aus. Aber mein Beinbeuger ist mickrig – verkümmert – besteht hauptsächlich aus FETT. Dies nennt sich dann eine Muskuläre Dysbalance.
Im Nachhinein kann ich behaupten, dass es während des Wendler-Zykluses, den ich damals angefangen habe, um meine Werte im Powerclean, Squat und Deadlift zu verbessern, wahrscheinlich für mein Knie zu viel wurde.
Allein die falsche Ausführung und das mangelnde Wissen und die Erfahrung haben mir gefehlt – so führte eins zum anderen.

Was hast du für Therapien hinter dir?

Eigentlich exakt die konventionelle Behandlungsmethode, die es gibt. Mit Schonung und teilweise auch entzündungshemmenden Schmerzmitteln fing es an, gepaart mir Physiobehandlung, bei der die Verklebungen behandelt wurden und die Bänder am Knie freigedrückt wurden. (Das hat tierisch weh getan…)
Parallel gab’s für die falsche Haltung entsprechende Einlagen in die Schuhe und einen Trainingsplan für den Beinbeuger. Dieser musste gestärkt werden.
Sobald die Entzündung weg war, durfte ich wieder viele Wiederholungen mit wenig Gewicht machen. Nur Kniebeugen, keine Cleans oder Jumps. Bei den Squats musste ich besonders darauf achten, unten nicht „reinzukrachen“ und kontrolliert „ohne Buttwing“ wieder hoch zukommen. – Die exzentrische Phase musste also betont werden. Auch sämtliche Übungen zur Stärkung des Beinbeugers standen auf dem Trainingsplan.
Permanente Mobilisation der Oberschenkel, der Hüfte und der Sprunggelenke ebenfalls.
Bis irgendwann endlich keine Dysbalance mehr da ist und ich eines Tages schmerzfrei trainieren kann.

Wie sehr schränkt dich die Verletzung im Alltag ein?

Inzwischen eigentlich gar nicht mehr. Klar, ich habe ab und an Knieschmerzen. Beim Coachen und Vormachen wird es manchmal etwas nervig aber dann bin ich meist selber schuld, weil ich meine Reha-Übungen vernachlässigt habe.
Das Patellaspitzensyndrom ist zwar eine Krankheit, die man nicht mehr wirklich los wird, aber ich kann inzwischen hervorragend damit leben und weiß, was den Schmerz auslöst und was ich tun muss, damit er wieder nachlässt.

Wie gestaltest du dein Training?

Inzwischen bin ich ja fast beschwerdefrei, was meine Verletzung angeht. Und wenn es weh tut, dann weiß ich: Okay, hast du wieder deine Reha-Übungen vernachlässigt.
Manchmal, wenn es wieder zwickt, ersetze ich Übungen, die zu viel Stress in der Patella verursachen. Zum Beispiel Front Squats durch Overhead Squats oder Squat Cleans durch Power Cleans. Laufen tue ich fast gar nicht mehr.
Außerdem sind Good Mornings, GHD Raises und verschiedene Übungen mit Mobilitybändern in meinem Training fest verankert.

Du bist CrossFit Coach – Wie sehen dich die Mitglieder? Was glaubst du bzw. welches Feedback gibt man dir mit deiner Verletzung?

Ich habe noch nie ein negatives Feedback von ihnen erhalten. Weder in der Zeit, als ich ausschließlich Reha-Training machen konnte, wie auch jetzt, wenn ich manchmal hier und da etwas skaliere. Man bekommt dafür natürlich auch keine große Anerkennung sondern eher verwirrte Blicke.

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Als Coach hat man wenig Möglichkeiten, sein Knie zu schonen

Hilft die Community?

Ja, eine gute Atmosphäre in der Box hilft eindeutig für das allgemeine Befinden.

Hilft das Coachen psychisch?

JA! Ohne das Coachen wäre ich nicht mehr die Selbe.
Mich beschäftigt meine eigene Verletzung bzw. mein Asthma nicht mehr so. Ich habe viel zu viel damit zu tun, das Geschäft zu führen, zu Coachen und trotzdem mein Privatleben zu koordinieren.

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Viel Stehen, Vormachen, Zeigen, Rumgehen – Coaches Life ❤

Am Anfang war das nicht so leicht, weil ich CrossFit als Sport sehr liebe aber man kommt einfach als Coach kaum noch zu seinem eigenen Training, was es sehr schwierig macht, mit seiner eigenen Verletzung umzugehen, wie man es eigentlich sollte – und anderen ja predigt. Das gehört aber nun mal dazu, wenn man sich entscheidet, ein Box Owner zu werden. (if you ask me)
Aber das macht eine gute Atmosphäre auch wieder weg – wenn andere sich über ihre Erfolge freuen oder man ihnen manchmal sogar helfen kann, ihre Einschränkungen zu überwinden, dann ist mir das so viel mehr wert, als der eigene sportliche Erfolg.

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Andere Erfolge können manchmal genauso motivieren, wie die eigenen

Was würdest du Coaches, die eine ähnliche Verletzung oder Einschränkung haben gerne bezüglich CrossFit mit auf den Weg geben?
Welchen Rat hast du? Welche Empfehlung?

Wer auch dazu neigt, sein eigenes Training für das Coachen zu vernachlässigen, wird dies mit der Rehabilitation bei einer Verletzung leider ebenfalls tun. Ich muss mir jeden Tag aufs neue Sagen, dass ich an meine Gesundheit denken muss und lieber eine Kraftsession weglassen sollte, als eine Mobility-Einheit.
Grundsätzlich sollte man aber  immer beachten – egal ob Coach oder Athlet: wenn man eine Verletzung erleidet, hilft einfaches Aufhören nicht – im Gegenteil. Beim Jumpers Knee MUSS irgendwann wieder sportliche Betätigung erfolgen.

So viel zu diesen beiden Erfahrungsberichten. Im nächsten wird es ein weiteres „Opfer“ des Patellaspitzensyndroms geben – ein Coach, den es leider sehr schwer erwischt hat. Sein Erfahrungsbericht wird aufzeigen, was einer der schlimmsten Fälle auslösen kann. Aus Sicht eines Athleten aber vorallem aus Sicht eines Coaches dargestellt.

Den übernächsten und letzten Beitrag, der sich mit dem Knie speziell beschäftigt, widme ich zum Einen den Übungen und Bewegungen, die man im CrossFit bei Knieproblemen skalieren könnte – wie wir diese ermitteln und warum – zum Anderen führe ich ein paar Kraftübungen auf, die beim Jumpers Knee wichtig sind.

Um es in den Worten des weisen Herrn Lennarts zu sagen: Machts gut, Leute und lasst die Haare wehen! 🙂

Vorschau für den nächsten Post:
CrossFit restricted – Knee issues part 4
Interview mit Dennis

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